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MONGOLEI II – Ihre Waffe ist der Adler!

Leseprobe beizjagd mongolei adlerjagd
Bernd Kamphuis | 9 Min. Lesezeit
Ein Artikel aus Ausgabe 28

Text: Bernd Kamphuis
Fotos: Frank Riedinger

Sie strahlt vor Freude, die linke Hand umklammert den Siegerpokal, auf der rechten thront erhaben ihr Jagdgefährte, der Adler: Aisholpan Nurgaiv ist erst 13 Jahre alt und schon ein Star. Gegen mehr als 70 Männer ist sie beim Adlerjägerfest in Ulgii, einer Stadt im Westen der Mongolei, angetreten. Am Ende nahm sie als glückliche Siegerin den Preis entgegen. Es ist nicht nur das Alter, das sie von den anderen Teilnehmern des Wettkampfs unterscheidet – Aisholpan ist das erste Mädchen, das sich in einer sonst von Männern dominierten Welt behauptet.

Und es gibt noch etwas, worauf die junge Mongolin stolz sein kann: Sie ist Protagonistin des Dokumentarfilms „The Eagle Huntress“, den Regisseur Otto Bell über die Adlerjäger in der Mongolei gedreht hat. Der Streifen feierte im Januar auf dem Sundance Film Festival in den USA Premiere, Sony Pictures Classics hat bereits die Rechte an dem Film erworben – für Amerika, Asien, Australien und andere Länder, darunter Deutschland.

Adler für die Beizjagd abzurichten, ist ein langwieriger, mühsamer Prozess. „Man muss sein ganzes Leben nach dem Tier ausrichten“, sagt Frank Riedinger, der Aisholpan und ihre Wettstreiter beim Festival mit der Foto-Kamera festgehalten hat. Seit vielen Jahren zieht es den deutschen Fotografen immer wieder für Monate in die Mongolei; auf seinen Reisen durch das zentralasiatische Land lebt er bei Einheimischen und begleitet sie in ihrem Alltag.

Es sind Kasachen im äußersten Westen des Landes, die die jahrtausendealte Tradition der Jagd mit dem Adler bis heute pflegen. Der Berkutschi – wie der Adlerjäger in ihrer Sprache heißt – holt sich entweder ein Küken aus einem Horst oder er fängt einen jungen Vogel, um ihn auszubilden. Geeignet für die Jagd sind nur weibliche Steinadler, da sie größer, aggressiver und zuverlässiger sind als die Männchen.

Wie ein Familienmitglied lebt der Vogel im Haus des Jägers, wo er sich an seinen neuen Herrn gewöhnt. Regelmäßiges Füttern macht ihn gefügig und zeigt ihm, dass er gut versorgt ist. Das hindert ihn später am Aufbrechen der Beutetiere. Während der Jagdsaison sind die Futterrationen reduziert, das steigert seinen Jagdtrieb. Zwischen zehn und 14 Jahre bleiben die Vögel bei den Jägern, dann werden sie freigelassen.

Während der Jagd trägt der Adler, der auf dem Arm des Reiters sitzt, zunächst eine lederne Haube auf dem Kopf, die ihn vor Ablenkung schützt. Erspäht der Jäger ein Beutetier, entfernt er den Sichtschutz und signalisiert dem Adler mit einem kleinen Stoß, dass er sich nun auf die Beute stürzen soll. Den Jägern geht es in erster Linie um Felle von Füchsen, Manuls, Hasen und Murmeltieren. Manchmal stellen die Adler sogar Wölfe – das schaffen aber nur mehrere erfahrene Tiere zusammen.

 

Die Jagdsaison beginnt im Oktober und geht bis April. Den Rest des Jahres sind die Adlerjäger mit ihren Weidetieren als Nomaden im Land unterwegs. Viele von ihnen treibt die Sorge um, dass die Tradition der Beizjagd ausstirbt. Immer weniger junge Kasachen zeigen Interesse daran, denn die Arbeit mit den Adlern ist zeitaufwendig und zahlt sich finanziell nicht aus. Meist ziehen die Jugendlichen es vor, ihre Dörfer zu verlassen, um ihr Glück in der Hauptstadt Ulaanbaatar zu suchen.

Bereits 1959 schlossen sich die Adlerjäger zu einer Organisation zusammen mit dem Ziel, ihr Wissen zu bewahren und an kommende Generationen weiterzugeben. Dazu trägt auch das Adlerjägerfest im Altai-Gebirge bei, das jährlich die Jagdsaison einläutet. Als das Festival im Jahr 2000 zum ersten Mal stattfand, gingen die Organisatoren von insgesamt noch 384 aktiven Adlerjägern aus, von denen 30 bis 40 an den Wettkämpfen teilnahmen. Heute schätzt man die Gesamtzahl auf etwa 120.

Bei Aisholpan zu Hause ist die Familie um den Tisch versammelt. Ihr Vater ist ebenfalls stolzer Berkutschi.

Die erste Prüfung des zweitägigen Festivals besteht im Zielfliegen. Auf dem Gipfel eines Berges lassen Helfer die Adler los. Die Aufgabe der Vögel ist es, auf dem Arm ihrer Besitzer zu landen, die sie aus der Ferne mit Rufen und einem Stück Fleisch anlocken. Am zweiten Tag starten die Vögel erneut auf einem Hügel, weit entfernt vom Jäger auf seinem Pferd, dem sie folgen müssen. Dabei gilt es, die Beutetierattrappe, die der Reiter hinter sich herzieht, zu schlagen. Punkte vergibt das Schiedsgericht nicht nur für die besten Leistungen, sondern auch für die Erscheinung der Jäger. Ihre traditionelle Kleidung gibt zugleich Aufschluss über die jeweilige Zugehörigkeit zu einer der Dorfgemeinschaften.

Wie aber ist es Aisholpan gelungen, Dutzende erfahrene Adlerjäger auf die hinteren Plätze zu verweisen? Die Wahrheit ist: gar nicht. Tatsächlich war die junge Mongolin ihren Wettstreitern unterlegen und verdankt ihren Preis nur dem Wunsch des Regisseurs. Frank Riedinger sagt, aus Höflichkeit hätten sich ihre Konkurrenten zu dieser Ungerechtigkeit nicht äußern wollen, doch „nach mehreren Wodkas konnte ich heraushören, dass ihnen das nicht gefallen hat. Sie haben sich ein ganzes Jahr auf dieses Event vorbereitet, da möchte jeder gern das Preisgeld einstreichen.“ Vielleicht aber gelingt es Aisholpan ja, die jüngere Generation wieder mehr für die Adlerjagd zu begeistern. Das wäre besser als jeder Pokal.

 

Mein Name ist Aisholpan.

Ich bin 14 Jahre alt und gehe in Bayan-Ulgii-Aimakin in die Impati-Schule. Dort werden wir von mongolischen und türkischen Lehrern unterrichtet. Zu Hause sind wir mit meinen Eltern zu sechst. Ich habe eine jüngere Schwester sowie einen jüngeren und einen älteren Bruder. 

Im Alter von 10 Jahren habe ich angefangen, mit dem Steinadler zu jagen. Damals zusammen mit meinem Vater. Dabei habe ich mich schon immer für die Jagd interessiert. Aus diesem Grund hat mir mein Vater, der auch Jäger ist, alles beigebracht. Bereits mein Großvater hat seinerseits meinem Vater das Jagen mit dem Adler gelehrt. Mein älterer Bruder musste zum Militärdienst und konnte aus diesem Grund keine Adlerjagd mehr machen. Ich habe damals seinen Adler übernommen. Das war der Anfang, so bin ich zur Jagd gekommen. Meinen jetzigen Jagdvogel habe ich schon zwei oder drei Jahre. Ich habe ihn als Küken aus dem Nest geholt. 

2014 habe ich das erste Mal am Adlerjägerfest teilgenommen und gleich gewonnen. Das war eine schöne Erfahrung für mich. 

Das schönste Erlebnis bei der Jagd ist für mich der Moment, wenn der Adler Beute macht. Für mich ist die Jagd nicht schwierig, obwohl ich noch sehr jung bin, macht es mir nichts aus. In diesem Winter habe ich vier Füchse und auch einen Wolf gejagt. Den Wolf haben wir mit zwei Adlern zusammen gejagt. Es war der Vogel meines Vaters. 

Ich möchte in der Zukunft mit der Jagd etwas kürzer treten, denn ich konzentriere mich nun auf meine Schulausbildung. Danach werde ich mein Wissen über die Jagd meinem kleinen Bruder weitergeben. 

Mein Ziel ist es, einen guten Schulabschluss zu machen und Ärztin zu werden. Durch den Film, den die Amerikaner über mich gedreht haben, habe ich die Möglichkeit, in den USA zu studieren. Das möchte ich machen. Ich lerne gerade fleißig Englisch.

Das Ganze mit dem Film hat mit einem Fotografen aus Israel begonnen. Er war hier und hat mich fotografiert. Nach einer Zeit ist er dann wieder mit seinem Freund Otto gekommen und wir haben den Film gedreht. Es dauerte alles in allem zwei Jahre, bis der Film fertig war. Das Filmteam ist zwischendurch immer mal wieder in die USA zurückgeflogen, um später wiederzukommen. Es war ein Dreh mit Unterbrechungen. Der Film handelt von meinem Alltagsleben. Sie haben mein Leben dokumentiert. Auch wie ich zur Schule gehe und solche Sachen.

Ich habe für den Film einen Preis erhalten. Dazu waren meine Eltern und ich auf dem Sundance Festival in den USA. Es war sehr schön. Die Bekanntheit, die ich plötzlich durch den Film erhalten habe, überrascht mich. Ich hätte nie damit gerechnet. Auch in Ulgii kennen mich fast alle Leute. Es ist schön. Sie sind alle immer sehr nett zu mir. Diesen Winter war ich zusammen mit meinem Vater in Ulaanbaatar auf dem Adlerfest, das jedes Jahr dort stattfindet. Alle Leute haben mich dort erkannt. 

Wir sollten mit dem Flieger nach Ulaanbaatar kommen. Aber zwei Tage vor dem Fest ging kein Flug. Erst am Tag, als das Fest anfing, ging dann eine Maschine. Die haben wir genommen und wir sind zwar knapp, aber noch rechtzeitig zum Fest angekommen.

 

Wollen Sie die Berkutschis oder das Golden Eagle Festival mit dem Mongoleiexperten Frank Riedinger einmal selber besuchen?
Dann schauen Sie doch hier vorbei: www.odkha-travel.de und www.frank-riedinger.de

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