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WEISSRUSSLAND – Wolfsjagd

Leseprobe interview weißrussland wolf lappjagd
Dr. Rolf D. Baldus | 36 Min. Lesezeit
Ein Artikel aus Ausgabe 35

Verklärt und verteufelt – der Wolf

Text: Rolf D. Baldus
Fotos: Viktor Kozlowski

 

Die Rückkehr des Wolfes ist in Deutschland in aller Munde. Die einen sind verzückt, die anderen verteufeln ihn. Diese werfen jenen vor, sie litten am „Rotkäppchen-Syndrom“, wieder andere sehen Almwirtschaft, Deichschutz, Weideviehhaltung und Kinder in Kindergärten in Gefahr. „Der Wolf, ein harmloser Beutegreifer, dessen Bestand sich natürlich reguliert“ versus „der Wolf passt nicht in unsere dicht besiedelte Kulturlandschaft“. Symptomatisch bei diesen Kontroversen: Alle haben eine Meinung, aber 99 Prozent der Wolfsfans haben noch nie ein solches Tier in freier Wildbahn gesehen. Natürlich kann man das Raubtier Wolf gut romantisieren, wenn man in Frankfurt oder Hamburg im dritten Stock wohnt. Genau wie in Afrika steigt die Liebe zu gefährlichem, konfliktträchtigem Wild mit zunehmender Entfernung. Die Betroffenen lässt man im Wesentlichen allein.

Canis lupus kümmert das alles nicht. Er tut das, was er schon immer getan hat: Er verhält sich wie ein Wolf und lebt deshalb als Jäger. Das macht ihn mir sympathisch. Für die Tonne Fleisch, die er im Jahr braucht, jagt er im Wald und, wenn der Mensch kein Feind ist, auch zwischen den Häusern. Muffel- und Damwild reißt er, bis keins mehr da ist. Rehe und Wildschweine verschmäht er genauso wenig wie Schafe, Rindvieh und Pferde. Hunde schätzt er als Delikatesse. Wenn es passt, sucht der Kulturfolger auch gerne in Mülltonnen nach Pizzaresten oder Pausenbroten auf dem Schulhof. Im Januar und Februar ranzt er und freut sich seines Lebens. Als Folge verdoppelt sich die Population alle drei Jahre.

 

Ein Altwolf, fotografiert, wie auch die übrigen Bilder des Artikels, im Forstamt Vileyka.

 

Von Weißrussland lernen, heißt siegen lernen! (frei nach einer alten DDR-Parole)

Es gibt Länder, in denen er nie ausgerottet war, wo die Jäger ihn bestens kennen und bis heute bejagen. Das gilt zum Beispiel für Russland, Weißrussland und Zentralasien. Einige wenige haben ihr Wissen auch aufgeschrieben. Es gibt ausgezeichnete Literatur zum Wolf in russischer Sprache. Allerdings liegt davon nur ganz wenig in deutscher Übersetzung vor.

Ich habe in meinem Leben oft mit großen Beutegreifern zu tun gehabt und habe sie auch manchmal bejagt: menschenfressende Löwen, Problem-Leoparden und Hyänen. Da kenne ich mich aus. Vom Wolf weiß ich jedoch wenig, obgleich ich in Deutschland in denselben Revieren wie er jage. Ein Zusammentreffen ist eine Frage der Zeit. Außerdem werden wir wohl selbst bald den Wolf bei uns in Deutschland bejagen müssen. Höchste Zeit, sich kundig zu machen. Jagd ist nicht zuletzt ein Handwerk und am besten lernt man, wenn man sich ansieht, wie gute Handwerker ihre Arbeit tun. Da kommt ein Angebot am Jahresanfang 2018, noch im Januar in Weißrussland auf Wolf zu jagen, gerade richtig. 

Wölfe sind schwierig zu bejagen, da sie mit feinsten Sinnen ausgestattet sind.  

Wie sehr der Wolf bei uns heutzutage „high profile“ hat, sehe ich an den Reaktionen meiner Jagdfreunde. Hätte ich eine Jagd auf Löwe angekündigt, das Interesse wäre nicht größer gewesen. Natürlich darf der Spott nicht fehlen. Man fragt, ob ich schon mal üben wolle, damit ich Bescheid wisse, wenn es bei uns losgeht. Ein Freund bemerkt ganz richtig, dass wohl mehr deutsche Jäger einen Leoparden als einen Wolf geschossen haben. Bei nicht jagenden Bekannten stoßen meine Pläne meist auf völliges Unverständnis. Die romantische Mär von den harmlosen, schützenswerten Streicheltierchen hat sich in den Köpfen festgesetzt.

 

Versuch macht klug

 Nur bei Schnee ist es aussichtsreich, Wölfe zu kreisen und zu lappen.

Am 14. Januar kommen wir in Minsk am Flughafen an. Wir – das ist ein Freundeskreis von vier Vätern mit Söhnen, alles Jäger, und ich. Die meisten von uns haben ihre Büchsen mitgebracht. Sie werden beim Zoll schnell registriert, genauso wie die Munition, die sorgfältig abgezählt wird. In weniger als zwei Stunden geht es ins „experimentelle Forstunternehmen“ bzw. auf die „Jagdfarm“ Vileyka. Hinter diesen etwas ungelenken Bezeichnungen verbirgt sich nichts anderes als ein ganz normales staatliches Forstamt mit Holzförstern und Berufsjägern, eine klare Unterscheidung, wie es sie vielerorts im Osten gibt.

Es ist kalt, um die minus acht Grad, aber leider hat sich das Wetter an den Wetterbericht gehalten: kein Schnee. Selbst als Novizen der Lappjagd war mir schon in Deutschland klar gewesen, dass ohne Schnee und eine gelegentliche „Neue“ unsere Chancen auf Wolf gegen Null tendieren. Aber man soll auch schon mal auf Risiko setzen. 

Am nächsten Morgen wird erst einmal die umfangreiche Bürokratie erledigt. Viele Unterschriften und Belege deuten auf ein exzessives Kontrollsystem hin. Weißrussland gilt als letzte Diktatur Europas, seit 24 Jahren regiert Machthaber Aljaksandr Lukaschenka mit harter Hand. Über Politik wird mit unseren Gastgebern während des ganzen Aufenthalts nicht gesprochen. 

Bald versammeln wir uns dick vermummt vor einem mit bunten Blinklichtern geschmückten Weihnachtsbaum im Hof des hölzernen Jagdhauses. Wer ohne Waffe angereist ist, erhält eine russische Doppelflinte und ein Päckchen Posten. Zwei bemitleidenswerte Kettenhunde schauen interessiert zu.

Es werden zwei Treiben auf Verdacht und ohne Hinweis, dass Wölfe in den Treiben stecken, in der Nähe des Jagdhauses durchgeführt. Dennoch sind wir alle voller Spannung, denn ein Wolf könnte ja jederzeit auftauchen. Aber keiner wird gesehen. 

Über hunderte Meter werden die Bahnen in aller Stille abgerollt. Dann kann dasTreiben beginnen. 

Abends kommt ein Geschäftsmann aus Minsk an, den man herbeigerufen hat. Der Hauptgrund seines Erscheinens ist wohl das Nachtsichtgerät, das er auf seiner Waffe, einer edlen Kipplaufbüchse deutscher Herstellung, montiert hat. Der Einsatz von Restlichtverstärkern ist in Weißrussland legal. Bei minus 14 Grad stehen wir nachts im freien Feld herum und frieren, während Jagdchef Jury sein Bestes tut, um aus tiefer Kehle Wolfsgeheul erschallen zu lassen. Ich bin beeindruckt, die Wölfe offensichtlich nicht. Vielleicht ist gerade auch keiner da. Wir sehen Rehe und Wildschweine im Nachtsichtgerät. 

 

ASP-Erfahrungen

Einige Sauen haben also die Afrikanische Schweinepest (ASP) überlebt. Natürlich ist sie ein Thema beim jagdlichen Fachsimpeln, das von unserem jagderfahrenen Dolmetscher Maxim fast synchron übersetzt wird. 2013 kam die Seuche. Die Sauen wurden weniger. Wie viele verendeten, weiß man nicht, da im Wald kaum ein totes Tier gefunden wurde; vielleicht waren es bis zu maximal zwei Drittel des Bestandes. Seitdem werden alle erlegten Sauen vor dem staatlich angeordneten Vergraben oder Verbrennen beprobt. Neue Krankheitsfälle wurden dabei nicht nachgewiesen. Die Regierung drängt, die Sauen weiterhin so zu bejagen, als wolle man sie ausrotten. Den Jägern behagt dies gar nicht, dennoch jagen sie stramm. 200 Sauen schießen sie jedes Jahr im 50.000-Hektar-Revier. Dies zeigt die niedrige Wilddichte, die aber auch für die anderen Wildarten zutrifft. Jedenfalls hat sich der Sauenbestand erholt und es gibt auch wieder Hauptschweine. Der Wolf frisst viele Wildschweine, gilt insofern auch als ein Überträger der Seuche.

Dieser Rotte wurde das Drücken auf Wölfe zu ungemütlich. Aber Sauen waren bei dieser Jagd ohnehin nicht frei. Zu umfangreich der anschließende bürokratische Aufwand, zu groß die Sorge eines etwaigen Kontakts mit dem Virus. In Weißrussland nimmt man die Afrikanische Schweinepest sehr ernst und hat strenge Vorschriften zur Entsorgung aufgefundener oder erlegter Stücke erlassen. Nach einem Seuchenzug 2014/ 2015 scheint sich der Bestand langsam zu erholen. Offenbar gibt es ein Schweineleben nach der ASP.

Im Übrigen geht man mit dem Thema ASP ganz entspannt um: Nur keine Panik. Fast jeder Berufsjäger hält zwei, drei Schweine zu Hause zum Schlachten. Niemand weiß von einem Fall, dass diese Hausschweine erkrankten, obgleich die Jäger doch vielfachen Kontakt mit Wildschweinen haben. Diese Erfahrungen sind vielleicht nicht repräsentativ für das ganze Land. Aber sie sind interessant und widersprechen vielem, was in Deutschland gerade behauptet wird. Dabei ist es wie mit den Wölfen: Viele reden mit, haben aber nie etwas mit der ASP zu tun gehabt. „The German Angst“ und Hysterie scheinen in unserer Zeit Merkmale eines kollektiven deutschen Verhaltens zu sein.

 

Rückkehr als Schneider

Elchwild im Treiben! Auf leisen Schalen passieren Tier und Kalb die Schützen.

Am zweiten Jagdtag werden drei Waldtreiben veranstaltet. Wir Jäger sehen Rehe, Sauen, Füchse, einen Birkhahn, jedoch nicht die ersehnten Wölfe. Im letzten Treiben des Tages stehe ich an einer Hecke im weiten Feld mit Rundumblick. Auf dem vereisten Weg mit etwas harschem Altschnee steht klar und deutlich eine Wolfsfährte. Der Wald vor mir wird getrieben. Heute bin ich froh, dass ich die Büchse dabeihabe. Auch meinen Schießstock mit zweifacher Auflage, den ich bei der Auslandsjagd immer mitführe, habe ich vor mir an ein Bäumchen gelehnt. Dann kommen die schönsten Bilder dieser Reise: Zwei Elchkälber verlassen den Wald und passieren mich am Horizont auf 120 Meter in raumgreifendem Troll. Das Elchtier kam meinem Nachbarn, für mich überriegelt.

Als wir am nächsten Tag von unserem russischen Kleinbus für die Fahrt zum Flughafen abgeholt werden, fällt der ersehnte Schnee. Für uns zu spät. In Deutschland hören wir, dass die Berufsjäger am folgenden Tag gekreist, gelappt und einen Wolf erlegt haben. Mich hat der Wolfsbazillus befallen. Das wird wiederholt, aber nur bei Schnee!

 

Wer immer strebend sich bemüht ...

Auf diese Gelegenheit muss ich nicht lange warten. Im Februar soll eine neue Wolfsjagd starten. Da bin ich dabei. Gebannt beobachte ich die Wetterlage im kontinentalen Osteuropa. Dann die erlösende Nachricht: Es schneit! Am 7. Februar stehe ich abends im Forstamt Teterinskoje, einem Revier der Präsidialverwaltung, zwei Stunden östlich von Minsk. Eine Reihe von Holzhäusern, wie ein kleines Dorf, malerisch von 20 Zentimeter Pulverschnee überzogen. Man wartet darauf, dass Dr. Schiwago um die Ecke kommt. Für den anspruchsvollen Jäger gibt es auch ein neu gebautes Gebäude mit großen Zimmern, Ankleideräumen und eigenen Badezimmern. Ich bin froh, dass ich im alten Jagdhaus mit Gemeinschaftsdusche untergekommen bin. Im Wohnzimmer spielen die Berufsjäger Karten und rund um die Uhr laufen Jagdfilme eines Jagd- und Fischereisenders oder die üblichen Shows wie bei uns. Dass die mit Holz auf Hochtouren gefeuerte Heizung nicht reguliert werden kann und man nachts deshalb bei offenem Fenster schlafen muss, ist im Zeitalter des Klimawandels gewöhnungsbedürftig. 

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen liegt der Billardtisch voller Gewehre. Ich wähle eine fast neue Repetierbüchse eines europäischen Jagdwaffenherstellers aus dem mittleren Preissegment. Grund dafür ist aber das variable Steiner-Zielfernrohr mit Leuchtpunkt, das auf einer Picatinny-Schiene montiert ist. Wenn ich im Ausland eine Waffe ausleihe und die Wahl habe, gehe ich meistens nach dem Zielfernrohr. Die meisten Gewehre schießen halbwegs, aber gute Optik ist im Ausland rar. Doch ich bin noch nicht fertig. Zum Erstaunen des Jagdleiters will ich auch noch eine Doppelflinte ausleihen. Er rät mir dringend ab, zwei Gewehre mitzunehmen, und ringt sich sogar zu einem „idiotisch“ durch. Er vermutet wohl, ich wolle mit beiden Waffen im Anschlag anstehen. Wahrscheinlich ist er von seinen Gästen einiges gewohnt. Ich lasse mich aber nicht verunsichern. Auf der Januarjagd habe ich gelernt, dass man zwar meistens mit einer Flinte und Posten gut bedient ist, dass es aber auch Stände mit weiter Sicht für die Büchse gibt. 

 Wenn mit Posten gejagt wird, sollte man den Wolf so nah wie möglich kommen lassen.

Schließlich nehme ich eine grobe Baikal-Doppelflinte und zwei Hände voll „Roller“ entgegen, wie man sie früher nannte, also Posten von knapp sieben und acht Millimetern. Früher schossen die Altvorderen auch bei uns Sauen damit. In Deutschland ist es heute verboten, mit Schrot oder Posten Schalenwild zu schießen. Natürlich funktioniert das, wenn man nicht zu weit schießt. 

Ich selbst bin kein großer Freund von Posten. Bei meiner Wildschutzarbeit in Afrika hatte ich für verschiedene Einsatzzwecke bei der Wildererbekämpfung Flinten mit grobem Schrot eingeführt. Bei Schießversuchen stellte ich fest, dass sie ganz unterschiedliche Deckungsbilder lieferten. Ich habe dann einen Praxistest gemacht, indem ich ein Pinselohrschwein auf Strümpfen bis auf 15 Meter anpirschte und mit meiner alten Baikal-Hahnflinte – liebevoll die „Purdey“ genannt – mit Posten beschoss. Der Keiler ging offensichtlich gesund ab. Ich erlegte ihn dann kurz darauf mit einer .375 H&H und stellte fest, dass er nur von einem einzigen groben Schrot getroffen worden war. Das hatte ein Loch in den Teller gestanzt. Danach stellte ich meine Versuche ein. 

Es ist sicher besser, man bringt seine eigene Flinte mit geprüftem Trefferbild mit, als eine russische Kartaune auszuleihen. 

Das Anlaufen der Stände muss leise vonstatten gehen. Dann gilt es, absolut still zu stehen und maximale Aufmerksamkeit aufzubringen. 

Wolfsjagd ist gemütlich – für die Schützen. Sie können um 9 Uhr frühstücken und darauf warten, dass die Nachrichten über die Wölfe reinkommen. Der Gesprächsstoff geht nicht aus. Erstaunlich, wie schnell wir uns in der entschleunigten Atmosphäre der Jagdreise als Freundeskreis von Gentlemen zusammengefunden haben. Die Berufsjäger sind schon seit dem ersten Licht unterwegs, suchen die Wolfsfährten und kreisen. In welchen Waldkomplex sind Wölfe hinein-, aber nicht wieder hinausgewechselt? Nicht ganz so einfach, denn bis in den Vormittag hinein schneit es leicht. Das Fährtenbild verwischt, und es kann schwierig werden, eine Rotwild- von einer Wolfsfährte zu unterscheiden.

Mein erster Stand ist an einer Straße, deren mir abgewandte Seite gelappt ist. Da bin ich mit der Büchse besser ausgerüstet, die Flinte steht an einen Baum gelehnt. Zwei Wölfe sind gespürt worden. Nach einer Stunde steht fest, dass sie ausgewechselt sind, bevor der Wald fertig gelappt war. Es ist schon Nachmittag und keine weiteren Wölfe sind gekreist. Abends sitze ich an und schieße einen jüngeren Keiler von 120 Kilo. Als ich nach dem Schuss kräftig durchrepetiere, habe ich den Kammerstengel in der Hand ... Die kurze Nachsuche führt in den Wald, wo ich dem Keiler im Wundbett den zweiten Schuss antragen kann. Ein Jagdfreund erlegt zwei Füchse, ein weiterer kommt an einem Stoppelacker auf ein Hauptschwein (Berufsjäger Pjotr: „Über 200 Kilo!“) nicht zu Schuss.

Zwei Altwölfe patrouillieren ihr Streifgebiet.

 

... den können wir erlösen

Vorsichtig wechselt ein Wolf entlang der Lappstatt.

Um 11 Uhr sind wir am zweiten Jagdtag an dem gekreisten Forst. Wir kommen gleichzeitig mit den Berufsjägern an, die uns berichten, dass drei Wölfe stecken. Sofort werden die Holzrollen mit den Lappen vom Transporter geladen. Jede Rolle hat ein paar Hundert Meter dünner, flexibler Nylonschnur, an der in kurzen Abständen kleine rote Läppchen befestigt sind. Ein Jäger schnallt sich den Holzkasten mit der Rolle auf den Rücken und läuft entlang der verabredeten Grenzlinie des Treibens. Dabei rollt die Schnur einfach ab. Ein zweiter Jäger geht hinter ihm und hängt sie an Ästchen und Baumzweige, sodass sie in Kniehöhe über dem Boden verläuft. Der Jäger stellt sich 10, 15 Meter von den Lappen entfernt im Treiben an. Die Wölfe laufen dann im Idealfall auf der Suche nach einem Ausgang in 20, 30 Metern an den Lappen vorbei und kommen einem oder mehreren Schützen. Erfahrene Wölfe wissen, dass das Flatterband ungefährlich ist, und sie gehen im wahrsten Sinne des Wortes „durch die Lappen“. Es soll sogar vorkommen, dass eine alte Wölfin ihre ängstlichen Jungen mit Gewalt durch die Lappen zerrt, damit sie für das Leben lernen. Die Berufsjäger geben deshalb gerne Warnschüsse ab, wenn ein Wolf im Treiben auf die Lappen zuläuft, um ihm zu signalisieren, dass Lappen Gefahr bedeuten.

Was für ein Tag: ein verschneiter Winterwald, völlige Stille bis auf den gelegentlichen Specht oder einen Schwarm Meisen, die wie bei uns auf der Suche nach verborgenen Insekten zirpend von Ast zu Ast fliegen; die Sonne scheint und es sind nicht mehr als minus zwei oder drei Grad. Ich habe heute deshalb wärmetechnisch abgerüstet. Das gibt mir auch mehr Beweglichkeit für den bewegten Schuss. Ich stehe hinter einem Baum und habe in einem luftigen Kiefern-Stangenholz mit vielen laublosen Sträuchern einen Blick auf vielleicht achtzig Meter. Links und rechts ist dichtes Gebüsch. Der anstellende Jäger meinte, das sei ein Stand für „Karabin“, ich entscheide mich aber für die Flinte. Wenn aus den Sträuchern plötzlich ein Wolf auftaucht, dann ist es nah und es muss schnell gehen. Sehe ich ihn weiter entfernt, dann kann ich immer noch vorsichtig die Büchse greifen, die vor mir am Baum lehnt. 

Entsprechende Tarnkleidung kann den Jagderfolg steigern.

Ich mache alles so, wie Oberjäger Wassilij es uns eingeschärft hat: Ich stehe unbeweglich in meinem alten Bundeswehr-Schneehemd. Die Flinte liegt quer über der Brust, mit dem Lauf in der Beuge des linken Arms und gehalten von der rechten Hand. Nur der Kopf dreht sich ständig nach links und rechts, wenn auch langsam. Zwanzig Meter hinter mir ist ein Waldweg und hinter ihm verläuft das Lappband. Hier könnte ebenfalls ein Wolf kommen. Ich stelle mir vor, wie halblinks von mir ein Wolf aus den Büschen prescht und an mir vorbeizuwechseln versucht. Dann fallen, weit entfernt, drei Schüsse. Schade, ist der erste Gedanke, den hättest Du auch gerne geschossen – ein Schadwolf. Schön, der zweite Gedanke, wir haben einen – die Gruppe war erfolgreich. Denn Wolfsjagd ist Teamjagd. Zwanzig Minuten später noch ein Schuss. Aber nicht mit der Aufmerksamkeit nachlassen, es sollen drei Wölfe im Treiben sein.

Große Branten befähigen Wölfe, schnell über Schneeflächen zulaufen – wichtig, um Beutetiere einholen und greifen zu können.

Da prescht plötzlich ein Wolf halblinks aus den Büschen und wechselt hochflüchtig in meine Richtung. Ich schaue ihn ungläubig an, mein Herz bleibt fast stehen. Er hat mich offenbar nicht eräugt. Ich bewege mich nicht und nehme die Flinte erst hoch, als er kurz durch Gesträuch etwas gedeckt ist. Dann fahre ich mit und schieße auf vielleicht dreißig Meter. Er zeichnet deutlich, wird aber nicht langsamer. Ich ziehe weiter mit und feuere den zweiten Lauf ab, als er schräg hinter mir auf kaum fünfzehn Meter den Waldweg überfällt. Der Wolf rolliert über die Lappen. Seine stahlgrauen Augen blicken vor dem Fangschuss noch einmal in meine. Freue ich mich, trauere ich um ihn? Jedenfalls sind zwei Jäger aufeinandergetroffen.

 

Das Verhältnis zum Wolf – unverkrampft und pragmatisch

Seltene Beute: Isegrim und Reineke.

Ich stehe noch eine halbe Stunde, dann werde ich abgeholt. Die Berufsjäger freuen sich riesig. Auch für sie ist das Erbeuten eines Wolfes etwas ganz Besonderes. Wir stehen später noch stundenlang in der Kälte an der zwei-, dreijährigen Wölfin und trinken Wodka. Man erzählt mir von einem Kollegen, der nach sechs Jahren Dienst im Forstamt trotz vieler Wolfsjagden selbst immer noch keinen erlegt hatte. Das Verhältnis zum Wolf ist unverkrampft sachlich und pragmatisch. Der große Beutegreifer ist Teil der Umwelt, die man nutzt und bewirtschaftet. Jeder Wolf frisst im Schnitt drei Kilo Fleisch am Tag, bestätigt man mir. Würde man „Волк“ nicht kurzhalten, dann wären die Schäden am Schalenwild, das man nutzen will, zu groß. Man bejagt die Wölfe, als wolle man sie ausrotten. Natürlich gelingt das nicht, aber nur mit großem Einsatz kann man die durchschnittlich zehn Wölfe im Revier jährlich erlegen. In seltenen Ausnahmefällen waren es auch schon einmal 15 Stück. Das 82.000 Hektar große Revier, davon 24.000 Hektar Wald, hat einen Bestand von etwa 1.000 Stück Rotwild. Davon werden 100 Stück einschließlich 15 Trophäenträger über acht Kilo erlegt. Hirsche bis acht Kilo werden grundsätzlich geschont. Von den 200 Stück Elchwild werden jährlich 60, davon zehn Schaufler, geschossen. Auch der Staat fordert die scharfe Bejagung der Wölfe. Früher wurden den Berufsjägern Prämien für jeden Abschuss gezahlt. Seitdem dies nicht mehr der Fall ist, werden deutlich weniger Wölfe erlegt. 

Die Freude über jeden erlegten Wolf ist groß. 

Bejagung ist auch deshalb wichtig, damit der Wolf Respekt vor dem Menschen behält. Schon jetzt treiben Wolfsrudel einzelne Stücke Rotwild bis ins Forstamt oder machen die weitgehend verlassenen kleinen Dörfer unsicher. Man erzählt mir von Wölfen, die kürzlich in einem von zwei alten Leuten bewohnten Holzhäuschen die Tür zum Stall aufbissen, um an den dort gehaltenen Hofhund heranzukommen.

Die drei vor der Erlegung meines Wolfes abgegebenen Schüsse stammten übrigens vom Jagdchef, der Wölfe am Verlassen des gelappten Treibens hindern wollte. Den folgenden Schuss hatte ein Berufsjäger auf einen Wolf abgegeben, der aber erst später gefunden wurde.

 

Finale

Am dritten Jagdtag bejagen wir denselben Wald wie am ersten Tag. Ich stehe eine Stunde unbeweglich an. Inzwischen schmerzt mein linker Arm, der ständig die vor dem Körper gekreuzte Flinte halten muss. Dann sehe ich plötzlich auf gut 
50 Meter etwas Fahlgelb-Braunes flüchtig abgehen. Ich denke es ist ein Reh, als ich aber offene Sicht habe, erkenne ich einen ganz starken Wolf. Ein Schrotschuss kommt auf diese Entfernung nicht infrage und bevor ich über die Büchse auch nur nachdenken kann, ist Isegrim schon wieder verschwunden. Nach einer weiteren Stunde fallen weit entfernt mehrere Schüsse. Noch eine Stunde, dann erscheinen ein Berufsjäger und mein Nachbar. Ihm war auch ein Wolf gekommen. Er war aber an den Lappen in die falsche Richtung abgedreht, und einen Schuss von hinten wollte mein Jagdfreund nicht riskieren.

In Weißrussland, Russland und Zentralasien ist es völlig normal, Wölfe zu bejagen. 

Ich gehe zur Wolfsspur, die sich im weichen Schnee gut abzeichnet und die ganze Geschichte meiner zweiten Wolfsbegegnung erzählt. Der starke Rüde war bis auf 35 Meter durch dichtes Gebüsch im Troll auf mich zugewechselt. Sehen konnte er mich von dort noch nicht. Offensichtlich hatte er aber Wind bekommen, denn plötzlich war er im scharfen Winkel abgebogen und nach hinten weggewechselt, jetzt aber sehr flüchtig. Jagdfreund F. hat einen sehr starken Rüden erlegt. Vielleicht ist es der Wolf, der mir auch gekommen war. 

Am Abend wird die Beute totgetrunken. Die Stimmung ist freudig, aber auch nachdenklich. Uns allen war einmalige Hohe Jagd auf edles Hochwild vergönnt. Ich schenke dem Übersetzer die Trophäe. Die Einfuhr in die EU ist nicht erlaubt. Sie wird einen Ehrenplatz in seinem Wohnzimmer bekommen, sagt er.

Vor acht Jahren habe ich im Auftrag des Internationalen Rates zur Erhaltung des Wildes und der Jagd (CIC) eine längere Diskussion über das Management großer Karnivoren in Europa zusammengefasst. Die Position habe ich so umschrieben: Wir Jäger heißen alle bei uns einst lebenden Wildarten willkommen, wenn sie auf natürlichem Wege zurückkehren. Konflikte müssen im Einklang mit der betroffenen Bevölkerung pragmatisch gelöst werden. Wir wollen diese Tiere auch nachhaltig bejagen, wenn ihr Erhaltungszustand dies erlaubt.

Dem habe ich nach meinen ersten beiden Jagden auf den Wolf nichts hinzuzufügen. Aber ich weiß jetzt, wie man Isegrim mit Erfolg bejagt.

Stolze weißrussische Wolfsjäger. 

Anmerkung: Die beiden Reisen wurden von VAUGUS Jagdreisen unterstützt.

 

Lappjagd gestern und heute

Lappjagd ist eine traditionelle Form der Treibjagd, bei der das zu bejagende Gebiet durch Leinen mit flatternden Stofflappen eingegrenzt wird. Manche Wildarten, wie der Wolf, scheuen in der Regel vor den Jagdlappen zurück und laufen die Schnur entlang, um einen Ausweg zu finden. Sie kommen dann den Jägern schussgerecht. Es passiert aber auch immer wieder, dass sie „durch die Lappen gehen“, sei es, weil der Druck der Treiber zu groß ist oder sie aus Erfahrung gelernt haben, dass die Lappen ungefährlich sind.

Lappjagden sind bereits für das 17. Jahrhundert nachgewiesen. Die Jägerhöfe des Adels hatten umfangreiche Vorräte an schweren Leinen mit großen Lappen. Meist war das Wappen des Landesherrn auf grobes Leinen gedruckt. Das Jagdschloss Kranichstein hat eine größere Sammlung an Jagdlappen ausgestellt.

In Deutschland ist die Lappjagd erlaubt, wird aber nicht praktiziert. Laut § 19 BJagdG ist es verboten, diese Jagdform innerhalb einer Zone von 300 Metern von der Bezirksgrenze (d. h. Reviergrenze) auszuüben. In Russland und Weißrussland ist die Lappjagd auf Wölfe noch heute verbreitet. 

Dieser heutzutage politisch nicht mehr korrekte Jagdlappen aus dem Jahr 1700 zeigt einen dunkelhäutigen Mann mit Turban und Federbusch. Ich habe lange herumgerätselt, was es mit dieser Abbildung auf sich hat. Offenbar stellte man sich damals so einen Türken vor. 1683 waren die Osmanen bei Wien vernichtend geschlagen worden. Die sogenannten Türkenkriege waren aber noch längst nicht zu Ende. Die hessischen Berufsjäger dachten wohl, dass auch dem Wild das Abbild eines „Türken“ genauso viel Schrecken einjagen würde wie dem Christenmenschen.

 

Jagen in der Republik Belarus

Wichtigste bejagbare Wildarten sind Elch-, Rot-,Schwarz- und Rehwild, Wolf, Biber, Wasserwild, Auer- und Birkwild sowie Schnepfe. Die Preise variieren bei unterschiedlichen Anbietern, z.T. für dasselbe Forstamt. Insofern lohnt sich ein Preisvergleich. 

 

Kosten dieser Wolfsjagd:

  • Erlegungsgebühr Wolf: 350 Euro
  • Jagdorganisation: 1.200 bis 1.800 Euro, je nach Länge
  • Anteilige Fahrtkosten Minsk–Jagdgebiet–Minsk: 100 Euro
  • Anteilige Kosten Dolmetscher: 100 Euro
  • Miete Repetierbüchse: circa 25 Euro/Tag
  • Miete Flinte: circa 15 Euro/Tag
  • Flugkosten Hin- und Rückflug: circa 300 Euro mit Belavia ab/bis Frankfurt und Berlin.
  • Waffentransport: 50 Euro pauschal pro Flug.

 

Der Wolf kann ganzjährig bejagt werden. Für Lappjagd muss Schnee liegen. Nach der Ranz (Januar/Februar) ziehen die Wölfe weniger umher. Ab etwa 25. Februar bis Ende März ist deshalb die beste Zeit für die Lappjagd. Es geht natürlich auch früher. Ein später Termin ist dann ungünstig, wenn vorher schon mehrfach auf Wölfe gejagt worden ist. Eine Jägergruppe besteht am besten aus 5 bis 7 Personen. Wolfstrophäen dürfen nicht in die EU eingeführt werden. 

An Dokumenten braucht man neben dem Reisepass auch den Jagdschein, die grüne WBK und den Europäischen Feuerwaffenpass. Die Waffendokumente sollte man unbedingt auch dann mitnehmen, wenn man vor Ort ein Gewehr ausleihen will.

Die Nachtjagd mit Restlichtverstärker ist legal und wird für den Ansitz auf Sau, ggf. auf Wolf auch vor Ort angeboten. Man sollte vorher entscheiden, ob man dies wahrnehmen will.

Bei der Einreise muss man für 1 Euro/Tag eine Krankenversicherung abschließen. Am Flughafen sollte man 50 bis 100 Euro in weißrussische Rubel am Flughafen wechseln, damit man auf dem Weg noch etwas einkaufen kann. Viel Bargeld wird bei der Jagd nicht benötigt. Trinkgelder kann man in Euro geben.

In Weißrussland gibt es die ASP. Jäger müssen deshalb ganz besondere Vorsicht walten lassen: Keine tierischen Produkte mitbringen! Schuhwerk mit mitgebrachtem Spray gründlich desinfizieren. Getragene Kleidung (am besten) vor oder nach der Rückkehr waschen. Auto vor der Rückreise gründlich säubern einschließlich Unterbodenwäsche.

 

Literatur zum Wolf

Ingolf Natmessnig (Hg.): 

Wolfsjagd in Russland

Österreichischer Jagd- und Fischereiverlag, Wien 2015, 29 Euro.

 

Der Wolf kehrt nach Mitteleuropa zurück. Nur wenige aber wissen über diesen Prädator Bescheid. Anders in Russland. Dort war der Wolf nämlich immer heimisch. Daher weiß man in Russland viel über ihn. Ingolf Natmessnig hat daher das spannendste Fachwissen und die besten Erzählungen der russischen Wolfsjäger zusammengetragen und übersetzt. – Das Buch zum Wolf und seiner Bejagung! Oder einfach zum Schmökern von Jagdgeschichten. Mit festem Leinenumschlag schön aufgemacht, wie alle Bücher des Österreichischen Jagd- und Fischereiverlags.

 

Dimitrij I. Bibikow: Der Wolf
Ziemsen Verlag 1990 (wissenschaftliches Standardwerk aus dem Russischen)

 

Dem Wetter angepasste Kleidung ist immer eine gute Idee - Weißrussland kann sonst sehr ungemütlich sein. 

Praktisches zur Wolfsjagd – was man braucht

Winterbekleidung

Einerseits muss man zwei bis drei Stunden unbeweglich anstehen oder nachts ansitzen – deshalb ist warme Kleidung angebracht; andererseits muss man bei einer Lappjagd seinen Stand angehen und sollte deshalb nicht zu dick eingemummt sein. Es ist auch wichtig, dass man trotz Winterkleidung für den schnellen Schuss beweglich genug ist. Das spricht für moderne, leichte, aber geräuschlose Funktionskleidung.

  • Schneehemd
  • Handschuhe
  • Rucksack
  • Wärmepads
  • Ohrschützer
  • (leichtes) Fernglas
  • evtl. Sitzstock/Klapphocker
  • evtl. Schießstock
  • evtl. Sonnen- bzw. Schneebrille
  • Jagdschein, Grüne WBK, Europäischer Feuerwaffenpass (auch wenn man vor Ort Waffe leiht).

Rote Warnkleidung ist nicht vorgeschrieben. Wer gesehen werden will, der bringt sich etwas Rotes mit. Man kann nicht immer davon ausgehen, dass man genau weiß, wo der Nachbar steht.

Auf der Lappjagd kommt der Wolf eher nah, sodass man mit der Flinte in den meisten Fällen am besten ausgerüstet ist. Auf der anderen Seite gibt es auch Stände, wo man 100 Meter sehen und schießen kann/muss. Wer einen Drilling mit 12er Schrotläufen hat, ist fein heraus.

 

Rechtliches zur Einfuhr von Wolfstrophäen

Aus folgenden Ländern ist die Einfuhr erlaubt: Kanada, Kirgistan, Russland, USA (Alaska). Die Einfuhr aus Weißrussland wurde 2003 verboten. Für viele Länder mit Wolfsvorkommen gibt es keine Entscheidung der EU. Bei einem beabsichtigten Import einer Jagdtrophäe müsste die zuständige EU-Behörde eine Einzelfallentscheidung treffen.

Innerhalb der EU legal erlegte Wölfe dürfen nach Deutschland eingeführt werden. Die Jagdpapiere sind aufzubewahren. Es besteht ein Vermarktungsverbot.

Quelle: Bundesamt für Naturschutz

 

DJV zum Wolf

Die Wolfspopulation in Mitteleuropa ist in einem günstigen Erhaltungszustand. Den aktuellen Wolfsbestand schätzt der DJV auf rund 800 Tiere in Deutschland, die Fortpflanzungsrate liegt bei über 30 Prozent pro Jahr. Daraus ergeben sich folgende Aspekte:

In Deutschland vermehren sich Wölfe prächtig, alle drei Jahre kann sich ihr Bestand verdoppeln. 
  • Die Politik muss die berechtigten Ängste und Sorgen der vom Wolf betroffenen ländlichen Bevölkerung ernst nehmen.
  • Die zunehmenden Wolfspopulationen sind auf einem stabilen, den Lebensraumbedingungen angepassten Niveau zu halten.
  • Der Schutzstatus des Wolfes ist zu überprüfen, um eine notwendige Bestandsreduktion herbeiführen.
  • Intensivierung eines gemeinsamen grenzüberschreitenden Monitorings und Managements mit dem EU-Partnerland Polen.
  • Praktikable und rechtssichere Lösungen im Umgang mit verhaltensauffälligen Tieren sind erforderlich.
  • Kriterien- und Maßnahmenkatalog zur Entnahme von Wölfen.
  • Praxistaugliche Vergrämungsmöglichkeiten veröffentlichen.

Der DJV begrüßt die Aussagen zum Wolfsmanagement in der Koalitionsvereinbarung von CDU/CSU und SPD vom Februar 2018.

 

Interview mit Thilo von Gilsa

 

Jagdzeit International: Sie sind seit fast 25 Jahren in Weißrussland als Unternehmer (beruflich) tätig. Was ist das Besondere an der Republik Belarus als Jagdland?

Thilo von Gilsa: Weißrussland liegt jenseits des Schengener Vorhangs. Man fährt trotz der noch überschaubaren 1.800 Kilometer nicht einfach über die Autobahn dort hin wie nach Polen. Man fliegt in eine „andere“ Welt. Die rückwärtsgerichtete Politik des übermächtigen Nachbarn Russland hat das zwischen Ost und West hin- und hergerissene Belarus von Europa abgeschnitten. Und doch fühlt man sich dort angelangt, pudelwohl und umsorgt von wohlmeinenden und hoch motivierten Gastgebern. Man erkennt es dankbar an, dass wir uns ausgerechnet zu ihnen aufgemacht haben, in ein Gästehaus irgendwo mitten auf dem Lande in einem der vielen staatlichen Reviere, die nicht wirklich Spektakuläres zu bieten haben außer Rückzugsräumen für Elch, Hirsch, Keiler und Wolf. Schlammige Wege entlang abgeernteter Maisfelder oder zuwachsender Brachflächen enden für uns gefühlt in der Wildnis oder im Sumpf. Sind die kilometerweit einsehbaren Äcker von der Straße aus öde und wildleer, mehren sich am immer tiefer ausgefahrenen Ende des Weges die Fährten. Es riecht förmlich nach Anblick. Das ist der Moment, wo das Jägerherz anfängt zu pochen. Dort, in der menschenarmen Zone zwischen Kulturlandschaft und Deckung, werden die starken Trophäen erbeutet, für die Weißrussland bekannt ist. Wer das einmal erlebt hat, kommt wieder. 

 

Irgendwie gilt das Land immer noch als etwas exotisch. Wie viele Auslandsjäger fahren jedes Jahr dorthin und warum sind es nicht mehr?

Es sind noch immer nur einige Hundert, und das wird wahrscheinlich auch noch eine Weile so bleiben. Polen, Ungarn und Tschechien sind mit ihren wildreichen Populationen zu verlockend.

Weißrussland gilt bei den unter Erfolgsdruck stehenden Jagdagenturen noch immer als unzuverlässig. Wenige angepriesene Reviere halten sich im Portfolio der großen Agenturen. Zum Teil wird in diesen Vorzeigejagden auch mit dem Zaun und herangezüchtetem Rotwild gearbeitet. Krasny Bor und die Nationalparkreviere mit ihren vermeintlich unerschöpflichen Wildvorkommen verkaufen sich nach meinem Geschmack zu üppig, zu kommerziell. 

Was am Markt teilweise angepriesen wird, ist nicht das authentische Weißrussland, das ich liebe. Wer in der freien Landschaft in Belarus jagt, muss auch mal aushalten können, dass er leer ausgeht. Es gibt einfach nicht die Wilddichte wie in Ungarn. Und das ist gut so. Aber es gibt die Wildnis und die Ehrlichkeit einfacher, hochpassionierter Berufsjäger. Offenbar trifft das noch nicht den Nerv des typischen Jagdtouristen. Er will das kriegen, was ihm die Farbprospekte versprochen haben. 

Dennoch bin ich optimistisch. Es wird der Tag kommen, an dem deutsche Jäger, enttäuscht vom Jagdkommerz, das Gesamterlebnis der Jagd suchen: sich im Morgengrauen schlauchen, Fährten lesen, anpirschen, einen guten Schuss anbringen, an erlegtes Wild herantreten, dann bergen und mit Kameraden feiern. Das alles in einer verlässlichen Jagdordnung und mit dem sicheren Gefühl, nachhaltig unterwegs zu sein, nicht in einer Kitschkulisse. 

 

Wie steht der Staat zu Jagd und Naturschutz?

Der Jagd haftet in Belarus weder etwas Elitäres noch etwas Rückwärtsgewandtes an. Der Volkssport der Weißrussen ist ohnehin mehr das Angeln. Der Naturschutz wird eher so gemanagt wie in den USA. Hier industrielle Landwirtschaft und Kiefernwald, dort Reservatschutz. Das Ganze allerdings in einer anderen Dimension als bei uns. Hier redet man nicht über 10.000 Hektar. Das Biosphärenreservat „Berezinski Sapowetnik“ beispielsweise, ein Gebiet mit einem totalen Betretungsverbot, hat bemerkenswerte 80.000 Hektar. Die Berezina mäandert da durch auf einer Länge von über 100 Kilometer. Links und rechts am Ufer steht nicht ein einziges Haus.

Wer in Belarus schützt, engagiert sich mit Spaten und Hacke in der Fläche und nicht mit dem Klingelbeutel in der Fußgängerzone. Auch in Belarus setzen sich Ökologen für den Braunbären ein, allerdings ohne ihn zu einem „Knut“ hochzustilisieren. Abbildungen von Wildtieren finden Sie überall: im Kinderbuch, in der Schaufensterauslage, auf riesigen Imageplakaten an der Autobahn. Was in Afrika der Löwe oder die Giraffe ist, verkörpert in Belarus der Wisent, der Wolf und der Auerhahn. Keine Schulklasse, die nicht über Tage die Parks besucht, geschult und gebildet wird. Man veranstaltet Malwettbewerbe. Kinder zeichnen rührende Bilder von europäischen Elchen, Störchen und Pilzen. Die Natur ist Teil ihrer Identität, ihres Nationalbewusstseins.

 

Wie beurteilen Sie das Importverbot der EU für Wölfe aus Belarus?

Am Erhaltungszustand kann das keinesfalls liegen. Weißrussland ist CITES-Mitglied, gibt der EU-Kommission aber wohl nicht die Zahlen und Fakten, die verlangt werden. Überhaupt mag die Regierung gar nicht, wenn man ihr mit dem erhobenen Zeigefinger aus Brüssel kommt. Da reagiert man abwehrend, schließlich hat man sowieso keinen Cent aus den europäischen Fördertöpfen zu erwarten. Stattdessen schauen sie schadenfroh über den Zaun in die baltischen Staaten. Dort sehen sie, wie sich die Letten beispielsweise von der Brüsseler Entscheidungsfindung gängeln lassen müssen, um ein paar wenige Abschusskontingente für den Wolf zu erstreiten. Vielleicht springt die weißrussische Regierung aber auch irgendwann über ihren Schatten und verhandelt mit Brüssel. Lukrativer Jagdtourismus auf den Wolf könnte eine Motivation sein.

 

Zur Person

Thilo von Gilsa betreibt in Weißrussland einen Holzbetrieb zur Herstellung von Hochsitzen und Zaunmaterialien. Er ist mit den staatlichen Forstbetrieben des Landes gut vernetzt und betreibt seit 2010 als Nischenanbieter die Jagdagentur VAUGUS.

 

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